Hobby-Burnout?
Wenn die Liebe zum Hobby scheinbar nachlässt
Dieser Post basiert auf der Anregung durch einen Forenthread bei unknowns.de: https://unknowns.de/forum/thread/29856-brettspiel-burnout/
Es gibt Phasen im Leben, da passen die Gewohnheiten die man hat, nicht mehr zu den äußeren oder inneren Umständen. Mitunter trifft es dann auch Hobbies.
Das Brettspielhobby ist dafür prädestiniert, denn obwohl es eine geringe Einstiegshürde hat, fordert es recht viel von einem.
Ich nehm euch also mit auf meine Reise, vom Blogger und YouTube der alles spielt was nicht bei drei auf dem Baum ist, über 2 Jahren mit nahezu 0 Brettspielen zu heute - einem Zustand von Zufriedenheit und Reflektiertheit hinsichtlich der eigenen Maßstäbe, Ansprüche und des eigenen Konsumverhaltens.
Zur Zeit als ich aktiv Content auf YouTube veröffentlichte war ich in einer Lebensphase von Berufseinstieg bis frischer Selbstständigkeit. Aber außer meine Frau, meinem Hund und mir gab es nichts, dem ich in irgendeiner Art und Weise gerecht werden musste - trotzdem deutete sich eine Art Hobby-Burnout bereits an. Manche erinnern sich vielleicht, aber positive Besprechungen von Spielen konnte man bei mir an einer Hand abzählen. Spiele begeisterten mich nicht mehr - oder besser gesagt: Neue Spiele begeisterten mich nicht mehr. Es gab da zwar noch diese Ecke der Wargames und CoSims, aber da hatte ich kaum Mitspielende für. Alles andere war für mich meistens schlechter als das, was ich bisher im Regal hatte und zusätzlich kam hinzu, das ich neue Regeln lernen und besonders anderen beibringen echt nicht leiden kann.
Und so kam es aus einer Zeit der „Miesepetrigkeit“ das mit der Geburt meiner Tochter das Brettspielhobby erst Mal ziemlich schlagartig endete und gleichzeitig eine neue Phase begann.
Vielleicht muss man zusätzlich wissen, ich bin ADHSler - sowas wie ein Hobbyfriedhof (also viele Hobbys die man irgendwann wieder hat sein lassen) gehört quasi zu den Diagnosekriterien (ist also unter ADHSlern sehr häufig), denn neues gibt uns Dopamin. Und so störte es mein Gehirn massiv, dass neue Brettspiele kein neues Dopamin versprachen. Gleichzeitig war ich mit Rollenspielen. Tabletop und meinem wirklichen Dauerbrenner, den Videospielen, sehr glücklich. Es fiel mir leicht, mich von den Brettspielen zu distanzieren.
Wobei ich gerade beim Schreiben merken, diese distanzierung kam nicht schlagartig. Sie war ein Prozess. Aus der negativen Einstellungen Neuheiten gegenüber resultierte ein geringes Kaufverhalten, daraus entstand der Fokus auf Spiele die ich bereits besitze und das Verbessern und Komplettionieren dieser - so kaufte ich die Orleans Erweiterungen, legte mir Concordia mit allen Erweiterungen zu, kaufte Deluxe Upgrades und Inserts. Quasi der Spaß am Kaufen ohne (oder mit kaum) neue(n) Spiele(n).
Die Geburt meiner Tochter band aber für locker 2 Jahre so viele Ressourcen, das mir im Prinzip nur Tabletop - konkret das Bemalen von Figuren - und Videospiele blieben. Gleichzeitig begann ich aber mit neuen Menschen zu spielen - den namen Nick hab ich hier glaub ich schon Mal in Bezug auf 7 AGes erwähnt. Nick zeigte mir die Welt der Wargames und CoSims in einer deutlicheren Breite. Nick organisierte Spieletage und erklärte Regeln. Kurzum: Nick übernahm alles, was mir zu diesem Zeitpunkt an Brettspielen und besonders an solchen komplexen Brettspielen zu viel war. (Trotzdem hab ich immer versucht mich vorher einzuarbeiten). An dieser Stelle also ein „Danke Nick!“ :) So schaffte ich es in diesen 2 Jahren Hobby-Teilabstinenz spiele wie Elisabeth, Illusions of Glory, Space Empire 4X oder 7 Ages kennenzulernen und online (per Vassal) spielten wir Illusions of Glory und Axis Empires. Aber alles so, dass das für mich, in meiner Lebenssituation mit Kleinkind und Selbstständigkeit funktionierte. Einen Samstag oder Sonntag „frei“ nehmen viel mir wesentlich leichter als ein Abend unter der Woche - so paradox das klingen mag. Und sicher kommt bei meiner persönlichen Situation meine ADHS, sowie der Umstand das meine Tochter die ersten 2 Jahren ihres Lebens fast nie länger als 1 bis 1.5h am Stück geschlafen hat hinzu. Wir waren nervlich am Ende.
Es wundert mich aber überhaupt nicht, dass ich seit ein paar Monaten wieder zurück ins Hobby komme. Anders. Mehr wie Gandalf nachdem er den Balrog besiegte (Wobei es eher meine nicht schlafende Tochter war, die rief „DU KOMMST HIER NICHT VORBEI!“).
Ich habe in den zwei Jahren gelernt mich von jeglichen Influencer und Content Creator Einflüssen fern zu halten. Ich informiere mich nicht mehr aktiv über Neuheiten. Wenn ich da was sehe, dann passiert das eher zufällig. Das hat mein Bedürfnis neues haben zu wollen (oder gar zu müssen?) nahezu auf 0 gefahren. Was ich nicht kenne, kann ich nicht vermissen und ich bin doch zufrieden mit dem was ich habe oder?
Zusätzlich hab ich meine Spielesammlung auf die Probe gestellt. Frei nach Marie Kondo: „Does it spark joy?“ kam alles weg, auf das ich nicht quasi sofort Lust hätte eine Partie zu spielen. Spiele, die keine Chance haben den Tisch zu sehen, wurden direkt verkauft (und gar nicht erst gekauft). Große Spiele wie Elisabeth, Space Empires etc. hätte ich mir früher sofort selbst gekauft, weil „Muss ich haben!“. Dabei Spiele ich sie zu 90% mit Nick und bei Nick, also reicht es doch, wenn Nick sie hat.
Wobei ich das - Stand heute - lockerer sehe, aber dazu kommen wir noch.
Ich hab meine Sammlung also massiv verkleinert und mit ber 200 Titeln ist sie immer noch zu groß! Ich muss aber nicht mehr Spiele für jeden potenziellen Mitspielenden und für jeden Anlass haben. Beschränkung macht glücklich. Die Spiele die ich habe, kenne ich besser, kann ich besser und die Hürde sie auf den Tisch zu bekommen ist somit viel geringer. Das ist Zufriedenheit. Früher, wenn wir spontan überlegt haben was wir spielen wollen, war ich nicht nur von der Auswahl überfordert, sondern eben auch davon, dass bei 90% der Spiele die Regeln nicht parat habe.
Und heute? Heute hab ich diesen Blog, kaufe wieder das ein oder andere Spiel und genieße einfach die Zeit die ich habe. Wenn sich das wieder ändern sollte (mehr Arbeit, Nachwuchs, Krankheit) dann ist das halt so. Ich nehm das, was ich bekomme. Ich habe quasi aufgehört, mir ein Ideal vorzustellen und danach zu streben.
Und ein paar Spiele dürfen in mein Regal, einfach weil sie toll sind. Egal ob ich sie Spiele oder nicht - die Frage „Does it spark joy?“ beantwortet sich bei diesen bereits durch das pure Anschauen. Das führt soweit, dass ich sogar wieder eine Wunschliste habe (die ich in kommenden Beiträgen auch Mal vorstzelle). Andere Titel - die meisten - müssen wirklich auf dem Tisch beweisen, dass sie mir Freude bereiten.
Wie ist das bei dir? Kennst du den Hobby-Burnout oder hattest du ähnliche Phasen in deinem Leben? Kam das Hobby zurück? Ich bin gespannt auf deine Geschichte!




Ich bin ja immer wieder über dein Wissen erstaunt, wann immer ich irgendeinen vermeintlich unbekannten Spieletitel erwähne und du sofort etwas dazu sagen kannst. Du hast dich damals richtig tief in das Thema eingegraben, Regeln gelesen, Spiele getestet, dir Meinungen gebildet. Das ist ein Invest. Dein Payoff ist, dass du heute für dich sehr genau abstecken kannst, was dir gefällt und was nicht, und dass du die Spiele für dich identifiziert hast, die dir davon am meisten geben.
Da ist es eigentlich nur folgerichtig, dass du danach keine Zeit mehr verschwenden magst für Spiele, Mechaniken oder Themen, die dir nichts Neues mehr bieten oder sogar dasselbe Erlebnis in schlechter. Dagegen kann es richtig befriedigend sein, seine Sammlung auszudünnen und zu veredeln, mit Erweiterungen, Upgrades oder Prints. Oder mit anderen Worten: Zeit mit seinen Lieblingen zu verbringen, auch wenn man sie gerade nicht spielt. :)
Ich bin weit von 200 Titeln entfernt und noch habe ich Platz in meinen Regalen. Aber ich frage mich, was ich für eine Beziehung zu meinen Spielen haben möchte. Man ist ja schnell dem Sammeln so nah. Und viele kennen es gerade von Büchern, dass man gelesene Werke niemals verkaufen möchte, um die Erinnerungen an die damit verbrachte Zeit wachzuhalten, oder um sich selbst den kleinen Triumph vor Augen zu führen, wie viel man doch gelesen hat, als wäre allein das schon eine Leistung.
Spiele sind aber klobiger und verlangen mehr Wiederverwendbarkeit. Sicher packt mich auch irgendwann der Rappel und dann werde ich meine Auswahl gesundschrumpfen. Mal sehen wie radikal. Bestimmt gibt es so etwas wie eine mathematisch ideale Anzahl Spiele, für die man Begeisterung aufbringen kann und die gleichzeitig alle relevanten Spielerkonstellationen und Spieltypen abdecken. Ansonsten reicht es ja wie du sagst, wenn ein Spiel einmal pro Freundeskreis enthalten ist. Aber glaub ja nicht, dass ich es nicht merke, wenn du mir mal wieder einen Titel unterjubeln willst. ;P